Norwegen Roadtrip mit dem Qeki

Kennt ihr das Gefühl, wenn sich ein Kindheitstraum erfüllt? Für mich war es der von einem Wohnwagen: Frei und unabhängig sein, schlafen können, wo ich möchte…
Letztes Jahr war es dann soweit und ich adoptierte einen kleinen retro Wohnanhänger. Marke Qek Aero, liebevoll “Qeki” genannt, Baujahr ‘88. Nach dem Kauf begann dann leider ein ziemlicher Albtraum, da mich der Verkäufer über den Tisch gezogen hatte und der Wohnwagen gar nicht straßentauglich war. Qeki zog von Werkstatt zu Werkstatt und ich musste eine Menge Geld und Nerven lassen, auch weil für Stufe zwei meines Traumes bereits die Fährüberfahrt gebucht war: Noch im Herbst mit meinem Freund und dem Qeki nach Norwegen fahren. Kurz vor knapp wurde dann aber endlich alles gut und unser Abenteuer konnte starten!

Anreise / Dänemark
Am 27. September ging es los. Fünf Uhr früh klingelte der Wecker, denn vor uns lagen 817 Kilometer auf der ersten Etappe nach Hirtshals in Dänemark. Der erste Weg führte uns jedoch direkt wieder in die Werkstatt, “Anhänger Schlusslicht defekt” blinkte uns fröhlich entgegen. Zum Glück war das Problem recht schnell behoben und wir fuhren weiter in Richtung Norden, wo wir nach 12 Stunden Fahrt unseren Campingplatz direkt an der Steilküste erreichten.
An diesem Abend gab es einen Sturm, wie ich ihn selten erlebt habe. Der Qeki hat gewackelt, geächzt und geknackt und an Schlaf war nicht zu denken. Stattdessen haben wir bis zwei Uhr nachts permanent die Windmessung gecheckt – mit 27m/s lautete die Einstufung “schwerer Sturm, entwurzelt Bäume und verursacht größere Schäden an Häusern”. Beruhigend. Nicht.
Aber immerhin hatte ich einen superduper aerodynamischen Qek gekauft und so haben wir das ganze irgendwie überstanden. Die Freude darüber, in einem aufrecht stehenden Wohnwagen aufzuwachen, ist unbeschreiblich. ;)
Ab ging es auf die Fähre nach Norwegen!

Kilefjorden
Unsere erste Station befand sich ca. 45 km nördlich vom Fährhafen Kristiansand am Kilefjorden. Ein verstecktes Plätzchen mitten im Wald, welches man nur über einen schmalen Damm und ein noch schmaleres Brückchen erreichen kann. Beim Erkunden der Umgebung konnten wir gleich noch Pilze sammeln und bei Abenteuerfeeling deluxe in der warmen Abendsonne verspeisen. 

Am nächsten Tag begaben wir uns nach einem ausgiebigen Frühstück am Fjord auf eine Wanderung zum “Berefjell”. Eine wunderschöne Hochebene mit toller Landschaft und reichlich Pilzen, sowie Blau- und Preiselbeeren. Ich war zwar schon so oft in Norwegen, doch bisher nur im Sommer und Winter. Die Farben auf der Hochebene haben mich einfach umgehauen, der Herbst ist dort besonders wundervoll!
Am Abend haben wir noch Bekanntschaft mit drei netten Anglern aus dem Iran gemacht, die ihren Fang mit uns am Lagerfeuer geteilt haben.

Setesdal
Unser (naja, mein) Plan war eigentlich, dass wir in Norwegen nur frei stehen – also nicht auf Campingplätzen, sondern in der Natur übernachten. Womit ich nicht gerechnet hatte: Die Nächte wurden viel kälter, als vorhergesagt und André entpuppte sich obendrein als kleine Frostbeule. Außerdem dämmerte mir, dass sich unsere Solarduschen selbst in der prallen Sonne kaum auf eine erträgliche Temperatur erwärmen würden. Im Nachhinein betrachtet, war dieses Dusch-Vorhaben sowieso ein Witz. Als Camping-Anfäger hat man eben manchmal dezent naive Vorstellungen. :D
Long story short, für unseren nächsten Halt im Setesdal steuerten wir kurz vor Rysstad einen kleinen Campingplatz an, den wir ganz für uns alleine hatten. Voller Vorfreude packten wir unseren Heizlüfter und die Kabeltrommel aus. Erfahrene Camper ahnen vermutlich, was jetzt kommt? Der kürzlich modernisierte Campingplatz verfügte nur über CEE-Anschlüsse, die wir nicht nutzen konnten und unsere Versuche, an einem Sonntag in einem der ländlichsten Gebiete Norwegens einen Adapter aufzutreiben, schlugen natürlich fehl. Aber bei der Gelegenheit haben wir noch einen kleinen Abstecher zum Rosskreppfjorden gemacht, einem riesigen Stausee auf einer Hochebene. Ab um die 900 m über dem Meeresspiegel fing es an zu schneien und das diesige Licht zauberte eine geheimnisvolle Atmosphäre.

Zurück auf dem Campingplatz konnte ich, Kabeltrommel sei Dank, eine Steckdose in der Gemeinschaftsküche anzapfen. Das war auch mehr als nötig, denn in der Nacht gab es den ersten Frost auf unserer Reise. Als ich am nächsten Morgen etwas verfrüht aus dem Qeki geklettert bin, war alles voller Raureif und Nebel. Zeitweise sah die Landschaft in der Morgendämmerung aus, wie ein diffuses Aquarell.
Dieser Tag sollte wider Erwarten einer der wärmsten unseres Roadtrips werden und bei sonnigen 13°C gingen wir oberhalb von Rysstad wandern.

Geilo
Planmäßig wäre unser nächster Halt mitten auf der Hardangervidda, einer der größten Hochebenen Norwegens, gewesen. Ein Blick auf den Wetterbericht erklärte dies zur absoluten Schnapsidee. Angesagt waren -6°C, sowie jede Menge Schnee und Wind. Das war uns dann ohne Strom doch ein bisschen zu frisch und wir entschieden, einen Campingplatz unterhalb der Vidda in Geilo anzufahren. Der Weg dorthin war verschneit, steil, rutschig und teilweise echt gefährlich. Wir waren jedenfalls verdammt froh, als wir unseren Campingplatz erreichten. Unterwegs kamen wir auch endlich zu unserem lang ersehnten Adapter. Geilo! :D
Irgendwie hatten wir beide keine große Lust, zu “kochen” und gönnten uns einen Besuch in einem typisch norwegischen Restaurant – einer Pizzeria. Zwei Getränke und eine (!) Pizza für umgerechnet 50€, läuft.

Geilo -Bømlo
Am nächsten Morgen zogen wir direkt weiter in wärmere Gefilde. Die Route von Geilo nach Bømlo war mit 330 km die längste und ereignisreichste Etappe unseres Roadtrips. Über Ustaoset (Liest jemand von euch die Bücher von Nesbø und erinnert sich an diesen Ort?) fuhren wir immer höher auf die Hardangervidda. Eine ziemlich abenteuerliche Route zu dieser Jahreszeit, denn wir kamen mitten in einen Schneesturm und hätten die Straße ohne die Schneestöcke nicht mehr gesehen. Kein Wunder, dass sie im “richtigen” Winter oft gar nicht mehr passierbar ist.
Nachdem wir das überstanden hatten, fuhren wir auf einer der landschaftlich schönsten Routen Norwegens weiter und kamen an drei der bekanntesten Wasserfälle vorbei: Dem Vøringsfossen, Låtefossen und Langfossen. Und am Hardangerfjorden bot sich uns ein astreines Postkartenmotiv.

Bømlo
Auf der Insel Bømlo waren die Temperaturen recht angenehm und wir suchten uns ein Plätzchen um frei zu stehen. Wir fanden eine malerische kleine Bucht mit einem winzigen Kai, den wir direkt bezogen. Am nächsten Morgen schüttete es wie aus Eimern, sodass wir unser Vorhaben zu wandern und zu angeln vergessen konnten. Stattdessen besuchten wir ein Museum, wo wir als einzige Besucher eine Sonderführung bekamen. Die Nebensaison ist schon was Feines!
Weniger fein war, dass der Wohnwagen zu tropfen begann und eine undichte Stelle am Dach entwickelte, die wir nur provisorisch verarzten konnten. Da der Wetterbericht für die nächsten Tage Dauerregen vorhersagte, verließen wir die Insel noch am selben Abend und fuhren nach Haugesund.

Haugesund
“Don’t go to Haugesund, it’s a very ugly town” sagte ein Norweger zu mir. Ein hässlicher Platz in Norwegen? Das kann man sich gar nicht vorstellen. Wir fuhren zu einem wunderschönen Campingplatz direkt am Meer und wanderten am nächsten Tag zum Leuchtturm “Kvalen Fyr” und weiter an der Küste entlang in die Stadt. Der Norweger hatte übertrieben: Haugesund ist bestimmt nicht die schönste Stadt des Landes, doch “very ugly” ist sie sicher nicht!

Tags darauf zog es uns trotzdem wieder in die Natur und wir wanderten im Djupadalen. Auf den Bildern bekommt ihr einen guten Eindruck von einer typisch norwegischen Wanderung: Irgendwann weiß man nicht mehr, was Bach und was Weg ist. Man hüpft von Stein zu Grasbüschel und kann froh sein, wenn gnädige Menschen ein paar Bretter platziert haben. ;)
Abends klarte es auf und wir versuchten unser Anglerglück. Nach drei Stunden und zwei Angelplätzen fing André (während ich bereits resigniert hatte und mit der Kamera im Industriehafen herumstromerte) einen einzigen kleinen Lippfisch. Da wir gerade einpacken wollten, wurde er wieder freigelassen.
Am nächsten Morgen hatte ich noch ein ganz spontanes Shooting mit einem norwegischen Pärchen, bevor wir uns auf den Weg machten. Die Fotos von Tina & Stian könnt ihr euch hier ansehen.

Preikestolen
Ein bisschen Touri-Spaß muss sein! Dachten wir uns und machten Halt in Jørpeland unterhalb des Preikestolen. Das Wetter sah bescheiden aus, doch wir ließen uns nicht beirren und hatten Glück: Es regnete genau vor und nach unserer Wanderung, aber wir blieben trocken. Den Aufstieg hatte ich allerdings irgendwie leichter in Erinnerung… Doch als ich vor ca. 12 Jahren das letzte Mal dort war, war ich selbst wohl auch um einige Kilos leichter. :D
Immerhin hatten wir weitestgehend unsere Ruhe, denn bis auf eine große Reisegruppe trauten sich zu der Jahreszeit kaum andere Touristen auf den Berg. So konnten wir die wunderschöne Landschaft richtig genießen, zumindest während unserer Verschnaufpausen.

Abreise / Kristiansand
Nach einer feuchten Nacht im Wohnwagen, der nun auch noch am Küchenfenster undicht war, brach unser vorletzter Tag in Norwegen an. Mit Zwischenstopp am malerischen Harkmarkfjord fuhren wir zu einem Campingplatz nahe Kristiansand, der direkt am Meer lag und dessen wunderschöne Umgebung mich am nächsten Morgen zu einem ausgiebigen Fotospaziergang in der aufgehenden Sonne einlud.

Mittags erkundeten wir dann noch das Zentrum von Kristiansand und wanderten ein bisschen in einem schönen Naherholungsgebiet in der Gegend. Norwegen verabschiedete sich mit dem wärmsten Tag des gesamten Urlaubs (16°C im Oktober, kaum zu glauben) von uns. Wir nahmen die Fähre über’s nebelige Meer nach Hirtshals und fuhren am nächsten Morgen schweren Herzens zurück nach Berlin.

15 Tage Roadtrip liegen nun hinter uns und haben gezeigt, dass “einfach mal machen” richtig gut sein kann. Das war unser bisher abenteuerlichster Urlaub und ich würde jederzeit wieder so reisen. André lieber nur im Sommer und mit einem abgedichteten Wohnwagen – fairer Kompromiss. :D
Möchtet ihr gern mehr Reiseberichte und -Bilder von mir sehen? Und wohin sollten wir unbedingt mal mit unserem Qeki fahren? Schreibt es mir in die Kommentare! ♥

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